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Der grundlegene Unterschied zwischen der chinesischen traditionellen und der westlichen klassischen Musik besteht in der Zielsetzung, d.h. was die jeweilige Art der Musik uns erbringt. Unter Kunst verstehen wir eine andere Welt, die durch Schaffen der Künstler uns eröffnet wird. Dieses Bemühen strebt die Realisierung eines Zugangs an, der uns in diese Welt führt und ihre Schönheit darbietet.
Die chinesische Musik verheißt eine künstlerische Welt, die aber außer der Musik selbst existiert. Mit einem anderen Wort, diese Welt ist immer da, die irgendwie durch Kunstschaffen erschlossen wird. Diese Kunst muss nicht unbedingt Musik. Durch Malerei oder Dichtung gelangt man in die gleiche Welt und in diese Welt zu gelangen, ist das Ziel der chinesischen Musik, dessen Mittel diverse sind. An diesem Ziel soll der Hörer die Musik an sich vergessen und sich als Individuum in der durch Musik angedeuteten oder artikulierten Welt auflösen. Und diese wunderbare Welt heißt auf chinesisch „Yijing".
Deswegen sind die meisten chinesischen Musikstücke poetisch betitelt. Zum Beispiel, „Chun Jiang Hua Yue Ye" oder „Gao Shan Liu Shui". Die Titel geben Hinweise an, in welche Richtung die Einbildungskraft gehen sollte und somit wird die Findung des Zugangs von „Yijing" enorm erleichtert. Dasselbe „Yijing" findet man wahrscheinlich in einem Gedicht oder einer Tuschmalerei. Die beiden können selbstverständlich viel konkreter darstellen als die Musik, die aber mehr Einbildung und Tiefe der Affekte ermöglicht. Trotzdem müssen die abstrakten Empfindungen zu konkreten Objekten sedimentiert werden, weil der Titel selbst die Abstraktion einschränkt. Darum möchte ich sagen, dass die künstlerische Errungenschaft der chinesischen Musik immerhin dem weltbekannten Erfolg der Malerei und Dichtung unterlegen wäre. Ohne konkrete Objekte zu fassen, bleibt der Genuss von der chinesischen Musik beinahe umsonst. Sie ist zu abhängig von bestimmten Images, ohne bessere Darstellungsmöglichkeiten zu haben.
Wir bleiben in Hinsicht der künstlerischen Welt und kommen nun zu der westlichen klassischen Musik. Vor allem werden wir einsehen, dass die westliche Musik eine autarke Gattung für sich ist. Obwohl es zahlreiche Stücke gibt, insbesondere in der Ära der Romantik, die einen lyrischen oder epischen oder dramatischen Hintergrund aufweisen, z.B. sinfonische Dichtungen oder Konzertouvertüren, kann sich die westliche Musik doch als ein unabhängiges Reich behaupten, das seine eigenen Grenzen hat. Die Zielsetzung der westlichen Musik besteht einfach in sich selbst. Durch Musik wird Musik geschaffen, eine meistens rein musikalische Welt, die aus Folgen, Bewegungen und Modulationen der Tönen zusammengebildet ist. Durch andere Künste findet man nie direkte Zugänge. Der Klassizismus hat die Grenzen aller Künste streng vorgeschrieben, und die klassischen Komponisten wie Haydn und Mozart haben nur reine Musik gemacht. (Hiermit wird Oper als eine andere Kunst, die aus Kopulation von Musik und Dramatik entsteht, seperat betrachtet.) Die Romantik wollte alle Grenzen aufheben und Musik in Literatur oder Gemälde aus Tönen umwandeln. Da hat die westliche Musik allmählich auch „Yijing" gefunden und der Impressionismus, der sich durch Rezeption der asiatischen Künste entwickelt hat als Nachfolge der Romantik gilt, trieb „Yijing" der westlichen klassichen Musik aufs extreme. Danach ging die gesamte klassische Musik als eine historische Periode unter, weil die damals noch gängigen Darstellungsmittel, die von Regeln der reinen Musik herrühren, die künstlerischen Anforderungen der eingedrungenen unmusikalischen Komponenten nach und nach nicht erfüllen konnten. So musste das System der klassischen Musik zerlegt werden, oder in unterschiedliche Ausgangspunkte bzw. Aspekte (Polyphonie, Harmonie, Rhythmus, Tonhöhe, Tonart, Tonfarbe, Instrumentation etc.) und sogar ihre Ursprünge reduziert werden, damit alles neu konstruiert wurde. Deshalb hat das 20. Jahrhundert die meiste Diversität erlebt wie noch nie.
Oben wurde ein wesentlicher Widerspruch der westlichen Musik dargelegt, nämlich der Widerspruch der Grenze einer Kunst. Da wirken immer zwei entgegengesetzte Instinkte. Der eine will eine klare Ordnung mit vernünftig definierten Grenzen vorschreiben, der andere will Grenzen abschaffen und alles mit allem verbinden. Die chinesische Musik hat diesen Widerspruch nicht und folgt nur dem letzteren Instinkt. Die Größe und Zeitlosigkeit der westlichen klassischen Musik sind hauptsächlich dem ersten Instinkt zu verdanken. Die größten Komponisten (nun ausschließlich Opernkomponisten), Bach, Haydn, Mozart, Beethoven und Brahms, haben sich alle an die Regeln der reinen Musik gehalten.
Die geheimnisvolle Schönheit der reinen Musik besteht nicht in Einbildungen oder Assoziationen, die unbedingt unmusikalische Elemente einbeziehen, sondern in einem zweiten Widerspruch, nämlich dem Widerspruch zwischen dem Harmonischen ( z.B. Konsonanzen) und dem Unharmonischen (z.B. Dissonanzen). In einer klassischen Symphonie wird dieser Widespruch deutlich dargestellt (in Motiven, Tonalitäten etc., überall durchdrungen), entwickelt (oder besser formuliert: gestrikt) und schließlich gelöst.
Die antiken Griechen haben schon entdeckt, dass bestimmte Konstellationen der Töne einen zu Wohlgefühl anregen und einige andere Konstellationen einen in innere Unruhe setzen. Daher kommen das Harmonische und das Unharmonische. Diese Regeln gelten für alle Menschen und gehören zur menschlichen Natur. Sie bilden den Ausgangspunkt der Musik der westlichen Zivilisation. Der christliche Glauben hat den Widerspruch zwischen dem Harmonischen und dem Unharmonischen nochmal bekräftigt, ausgehend davon, dass die Menschheit das Abbild der Gottheit sei und durch das Harmonische man das Göttliche erreichen könnte. In dem Mittelalter und der Renaissance wurden in der sakralen Musik die Dissonanzen verboten, weil die einen verführen könnten wie Teufel. Tatsächlich besteht der Reiz der westlichen Musik darin, dass sich das Harmonische und das Unharmonische immer wechseln und gegenseitig überwinden.
Um diesen Reiz zu verschärfen, müssen mehrere Aspekte berücksichtigt werden, damit ein spannendes Musikstück überhaupt konzipiert und konstruiert wird. Die Höhe, die Länge, die Häufigkeit und der Bezug, überhaupt jede Eigenschaft jedes Tones sind durchdacht. Um das ganze Werk nachvollziehbar zu konstruieren, muss noch eine klare, maßgebende Ordnung dasein. Gemäß dieser Ordnung wird ein Stück in Stimmen, Sätze, Abschnitte und Module unterteilt. Aus Bezügen der einzelnen Bausteine entwickelt man verschiedene Ordnungssysteme (Polyphonie/Harmonie, Dur/Moll, Fuge/Sonate/Variation/Rondo usw.), die unterschiedliche Konstruktionsprinzipien befolgen. Am Ende der Komposation entsteht eine Partitur, die einen Überblick über alle Inhalte und ihre Relationen gibt.
Die chinesische traditionelle Musik hat auch ihre eigene Partitur. Bei Jianzi-Pu für Qin findet aber z.B. keine Information über Rhythmus. Der Qin-Spieler kann frei interpretieren. Partituren der westlichen Musik erlauben leider nicht viel Freiraum. Zwar haben Dirigenten und Spieler alle eigene Stile. Die unterscheiden sich aber fast nur in subtilen Feinheiten.
Philosophie spielt für die Musikkulturen auch eine bedeutende Rolle. Die besten chinesischen Stücke sind fast alle taoistisch gefärbt und halten sich von dem Irdischen heraus. Musik begreifen zu können, war im chinesischen Altertum ein Zeichen für sehr hohe Bildung. Die westliche Musik legt Wert auf die Entfaltung der perfekten Menschlichkeit und neigt zur Abstraktion, damit allgemeine Menschlichkeiten in einem Stück zusammengefasst werden, das alle anspricht. Die Welt, die uns die reine westliche Musik eröffnet, ist eher eine abstrakte, ohne jegliche bestimmte Images.
Darüber hinaus gibt es noch jede Menge Unterschiede zwischen der chinesischen traditionellen und der westlichen klassischen Musik. In kurzer Zeit bin ich nicht in der Lage, alle relevanten Punkte einfallen zu lassen.
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Ein Nachwort zu der westlichen Malerei. Diesen Bereich überfliege ich viel weniger. Trotzdem möchte ich dir zwei Maler empfehlen, deren Werke du dir mal ansehen könntest. Der eine ist Caspar David Friedrich, ein großartiger deutscher Maler der romantischen Zeit. Sein Stil ist sehr nah an der chinesischen Tuschmalerei. Der andere ist M.C. Escher, Holländer, moderner Maler und lebt vielleicht noch. Seine Werke sind wie Zaubereien und ich kann mir nie vorstellen, dass ein traditioneller Chinese solche Fantasien auf solche Art und Weise ausmalen kann.